Joanna Barck
Tableaux Vivants. Gesellschaftsspiele und Anachronismus im Film
Vortrag am 25.9.2008
Der Vortrag setzt sich mit der Frage nach der Funktion von Gemälden in Spielfilmen auseinander, indem er ein
(vermeintlich) längst vergessenes Phänomen der "tableaux vivants" in Augenschein nimmt. Es handelt
sich dabei um die spezifische Praxis der Nachstellung von berühmten Bildern durch Schauspieler und Requisite.
Ein zentraler Gedanke der "tableaux vivants" ist die Verdoppelung einer schon bereits existenten Wirklichkeit,
die möglichst große Annäherung an das malerische Vorbild sowie die Verschiebung von Naturnachbildung
zur Kunstnachbildung. Dieses im 19. Jahrhundert als Gesellschaftsspiel praktizierte künstlerische Amüsement
schien längst vergessen zu sein bis es von Filmregisseuren und Videokünstlern ‘wiederentdeckt’ wurde.
Für die Tableaux vivants in Filmbildern spielen die jeweiligen Raum- und Zeitkonstruktionen und die Farbchoreographie
eine wesentliche Rolle. Die Frage nach den filmischen "tableaux vivants" zielt auf ein piktorales Kommunikationssystem
ab, das als ‘sekundär’ bezeichnet wird, weil es auf Bedeutungscodes zurückgreift, die selbst
außerhalb des Filmsystems stehen.
Die Wirksamkeit eines solchen sekundären Bildsystems liegt darin, dass es die Filmbildästhetik erweitert, indem
es die filmischen Konventionen (die Bewegungs-Bilder, den Narrationsfluß u.a.) sprengt. Die Sperrigkeit des Tableau
innerhalb eines Films verhindert, dass es zu einer bloßen Attraktion verkommt. Das Potential des durch das "tableau
vivant" in den Film ‘eingeschmuggelten’ Gemäldes liegt gerade in dieser Störung. Möchte ein
Regisseur dieses Potential nutzen, so darf er das piktoral Differente des Gemäldes nicht aufheben, sondern sollte
ganz im Gegenteil diesem fremden System Raum zur Entfaltung geben. Dieser produktive Überschuss, den "tableaux
vivants" in Spielfilmen produzieren, birgt auch die Gefahr der Verselbständigung dieses sekundären Bildes, das
aus seiner ihm zugewiesenen Nische herauszutreten imstande ist, um den Film zu okkupieren. So entsteht eine Spannung zwischen
verschiedenen Bildsystemen, die solange produktiv bleibt, bis der Zustand zugunsten des einen Bildes aufgelöst wird. Das
ältere Bildsystem der Malerei scheint dabei mit einer stärkeren Macht ausgestattet zu sein, die es näher zu
untersuchen gilt.
Anhand von zwei Filmbeispielen aus unterschiedlichen Genres Giulio Antamoros
Cristo (1916)
und Pier Paolo Pasolinis
La Ricotta (1962) geht der Vortrag diesen Anachronismen nach,
um die mögliche zeitgenössische Relevanz dieses medialen Phänomens zu beleuchten.
Filme zum Vortrag:

Giulio Antamoro
Cristo
1916, 95’, s/w, ohne Ton
Das Leben Jesu von der Verkündigung bis zur Auferstehung wird in diesem Beispiel des frühen italienischen
Kinos in drei als Geheimnisse bezeichneten Teilen wirkungsvoll vor Augen geführt. Der italienische Regisseur
Giulio Antamoro begann mit den Dreharbeiten für seinen Film bereits 1914 und filmte mit über zweitausend
Komparsen, Massenszenen und Spezialeffekten u.a. an Originalschauplätzen in Ägypten und Palästina.
Eine Besonderheit dieses Films besteht in der szenischen Darstellung, die Motive aus den Bildenden
Künsten übernimmt, den sogenannten Tableaux vivants. So wird die
Verkündigung von Giovanni da Fiesole
(Beato Angelico), die
Verklärung Christi von Raffael,
Das letzte Abendmahl von Leonardo da Vinci
oder die
Kreuzabnahme von Rembrandt im Schauspiel nachgestellt. Die Filmpremiere fand 1916
im Teatro Augusteo in Rom in Gegenwart von Königin Elena und weiteren prominenten Gästen statt.

Pier Paolo Pasolini
La Ricotta
1962, 40’, s/w und Farbe, Ton
Pasolini parodiert in
La Ricotta die Dreharbeiten zu einem monumentalen Passionsfilm. Vor seinem
Einsatz am Kalvarienberg, schlingt ein hungriger Komparse in der Rolle des linken Schächers in aller
Eile einen Weichkäse hinunter. Während der anschließenden Aufnahme am Kreuz stirbt er an
Magenkrämpfen und Überanstrengung. Pasolini wirft in diesem Kurzfilm einen satirischen Blick
auf die Filmwelt und das Verhältnis zwischen erster und dritter Welt. Erstmalig verwendete er
für die Aufnahmen einen besonderen Kodak Farbfilm, der nach seiner Aussage an die Farben der Maler
Rosso Fiorentino und Jacopo da Pontormo erinnern sollte. Die Darsteller waren u.a. Orson Welles, Mario Cipriani
und Laura Betti, eine langjährige Wegbegleiterin Pasolinis. Der Film wurde seinerzeit wegen
Verunglimpfung der Religion beschlagnahmt und Pasolini angeklagt. Der Prozess wurde 1964 jedoch
wieder eingestellt.
La Ricotta ist zugleich Teil des Episodenfilms
Ro.Go.Pa.G, ein Gemeinschaftswerk der Regisseure Roberto Rosselini, Jean-Luc Godard, Pier Paolo Pasolini
und Ugo Gregoretti.