Robert Breer: Filme
Ausstellung: 28.6. - 30.8.2008
Das Werk Robert Breers spiegelt die gesamte Palette des Animationsfilms auf vielfältige Weise: Malerei auf Filmmaterial,
Experimente mit dem Einzelkader oder abstrakte minimalistische Strukturen aus graphischen Linien, die sich im
filmischen Raum kontinuierlich von einer Form in die andere verwandeln. Charakteristisch ist die Präsenz
und Statik des Einzelbildes, die den filmischen Ablauf jenseits einer linearen oder narrativen Struktur rhythmisieren.
Als neoplastischer Maler beginnt Breer in den späten 1940er Jahren. Er geht 1949 nach Paris und arbeitet,
beeinflusst von Piet Mondrian, zunächst als konkreter Maler. Die ersten Daumenkinos und Diaprojektionen mit Zeichnung
und Malerei auf Farbnegativen, die er Bild für Bild mit einer 16mm-Kamera abfilmt und choreographiert,
sind Grundlage für die frühen Animationen abstrakter, sich verändernder Formen: die Form Phases I-IV.
Im Rahmen der Ausstellung wird
Form Phases IV (1954)
gezeigt. Bis 1958, als Breer die "absolute"
Malerei zugunsten des Films aufgibt, entstehen Kodachromefilme, die abstrakte Elemente seines puren Stils
aufnehmen. Die Progression und Variation der Form in seinen Animationsfilmen, wie
Recreation (1956-57)
und
A Man and His Dog Out for Air (1957) spielen
mit dem bewegten und statischen Bild. Laura Hoptman bezeichnet diese Herangehensweise als "Konzentration auf unvermessene
Territorien zwischen zwei Elementen oder Begriffen, zwischen Abstraktion und Figuration, zwischen
seinen Filmen und seiner Malerei und später seiner Skulptur", Marcel Duchamp umschreibt sie mit dem
Begriff des "infra-mince" (Ausst.Kat. Breer, 2006).
Obwohl Robert Breer im engen Austausch mit vielen Künstler und Künstlerinnen seiner Generation
steht, wie in den frühen Pariser Jahren mit Yves Klein, Jean Tinguely, Victor Vasarely und
Agnès Varda, Anfang der 60er-Jahre in New York mit Claes Oldenburg, Robert Rauschenberg
sowie George Brecht, Nam June Paik und Charlotte Moorman, ist er nicht Teil einer bestimmten Bewegung
oder Kunstrichtung. Er trifft später Filmemacher Stan Brakhage, Kenneth Anger und Jonas Mekas
und äußert in einem Interview von 1983 die maßgeblichen Einflüsse von John Cage,
Hans Richters
Film Rhythmus 21 sowie den Filmen von Len Lye und Jean Vigo. In den 60er Jahren
entstehen seine sich langsam im Raum bewegenden Skulpturen, die sog. Floats, die Breer nicht als
kinetische Objekte verstanden wissen will, sondern als Bewegung isolierende, den Umraum aktivierende
Skulpturen. Sie werden zu Schlüsselelementen in seinen Nummernfilmen, und seines sich verändernden
Formenvokabulars in
Fuji (1974) und
Bang! (1986).
Das von ihm verwendete Bild einer gewebten Teppichtextur
ist für seine oftmals heterogene Kombination aus Einzelbildern, Zeichnung, Fotocollage und Tonelementen bezeichnend.
Arbeiten in der Ausstellung:
(alle Filme 16mm transferiert auf DVD)
66
1966, 5’45’’, Farbe, Ton
"Abstract, quasi-geometric study in interrupted continuity."
(Robert Breer)
69
1968, 4’25’’, Farbe, Ton
"It’s so absolutely beautiful, so perfect, so like nothing else. Forms, geometry, lines, movements, light very
basic, very pure, very surprising, very subtle." - Jonas Mekas
Zusammen mit den Nummernfilmen
70 und
77 gehören
66 und
69
zu einer Reihe von geometrischen Filmen,
die Farbe, Geschwindigkeit, optische Illusionen, Formen und Umrisse untersuchen. Während
66
zweidimensionale Formen animiert, die an Scherenschnitte von Henri Matisse erinnern, erscheint
in
69 eine Abfolge von animierten handgezeichneten geometrischen Volumina, die gleichmäßig im
Bildraum rotieren. Ein gleichmäßiges elektronisches Geräusch, das einem Metronom oder einer
technischen Maschine ähnelt, leitet anfänglich die sich im Takt wiederholenden Sequenzen ein.
Miracle
1954, 48’’, Farbe, ohne Ton
Miracle ist Breers erster Kollage-Film, der in Zusammenarbeit mit Pontus Hulten entstand.
In dadaistischem Humor zeigt er die jonglierenden Talente von Papst Pius XII, dessen Porträt aus den
Zeitungsseiten von Paris Match geschnitten wurde. Zunächst jongliert Pius XII mit Bällen,
dann mit seinem Kopf und entschwebt letztlich ins Paradies.
Form Phases IV
1954, 3’18’’, Farbe, ohne Ton
Form Phases IV ist die letzte, in sich geschlossene und harmonische der Form Phases-Serie,
die auf abstrakten Formen in Bewegung fokussiert. Eckige und abgerundete aus Papier geschnittene
Formen bewegen sich im Hintergrund während im Vordergrund abwechselnde Formen erscheinen und
sich im Flackern vertikaler Farbstreifen auflösen: Alles ist in Transformation. Breer bezieht
sich explizit auf Hans Richters Film Rhythmus 21 von 1921und dessen Interesse an der Entmystifizierung der Bildfläche.
Recreation
1956, 1’39’’, Farbe, Ton
Nach den frühen abstrakten Filmen, in denen sich jedes Element auf kontrollierte
Weise bewegt, entwickelt Breer mit
Recreation einen Film, in dem sich der ganze Bildschirm
zu bewegen scheint. Er benutzt dafür alle Arten von Materialien: Objekte, Scherenschnitte
wie auch eigene Leinwände. Breer erhöht und strafft den Rhythmus, indem er die Länge der
Bilder auf drei, zwei und zuletzt auf einen Bildrahmen reduziert. Text und Bild stehen sich
gegenüber und wirken beide auf den schnellen Rhythmus ein. Der Soundtrack, ein Nonsens-Gedicht,
stammt und wird gesprochen von Noel Burch (franz. Autor, Filmemacher und Theoretiker,
sowie Mitbegründer und Leiter des Institut de Formation Cinematographique) und scheint auf Breers
spätere
Floats geradezu anzuspielen. Die englische Übersetzung lautet: "Rising suddenly from a
greenish dot of light, the mysterious, contusive object sketches three extra-sensory
circumvolutions then goes off to deck itself out for the little white beds".
A Man and His Dog Out for Air
1957, 2’01’’, s/w, Ton
"A stew (in which) once in a while something recognizable comes to the surface and disappears again." - Robert Breer
Dieser vollständig handgezeichnete Film in Schwarz-Weiß entstand im selben Jahr wie Recreation.
Breer entführt den Betrachter in einen Wirbel von Linien, die beginnen und plötzlich wieder
auseinander fallen. Es entsteht kein geschlossenes lesbares Bild und erst am Ende lassen die
Linien vage einen Mann erkennen, der seinen Hund an der Leine ausführt. Der Film wurde 1962
als Vorfilm von Alain Renais’ "L’anné Dernière à Marienbad" zur Uraufführung
in New York gezeigt.
Jamestown Baloos
1957, 4’50’’, Farbe, s/w, mit/ohne Ton
In
Jamestown Baloos kombiniert Breer verschiedene Techniken, die er in seinen früheren
Filmen erprobt hat. Die Cut-Out-Animation aus Miracle ist ebenso wiedererkennbar wir die
Geschwindigkeit aus Recreation und die fließenden Lilien aus A Man and His Dog Out for Air.
Ein zentrales Thema ist die anti-militärische Haltung, die in zahlreichen Formen betont
wird: grafisch (Zeichnung), bildlich (Papierausschnitte, Malerei, Flecken) und typografisch
(Zeitungsausschnitte). Dieser Collage-Film gliedert sich in drei Teile. Der anfängliche
Trommelwirbel in der ersten Schwarz-Weiß-Sequenz führt eine Vielzahl animierter
Bildausschnitte aus Tageszeitungen mit Darstellungen militärischer Persönlichkeiten
und Kriegsmaschinerien ein. Er wird ergänzt durch abstrakte Formen. Der zweite Teil
ist ohne Ton und in Farbe. Aquarellzeichnungen bewegen sich zunehmend schneller vor der Kamera
und spielen mit Unschärfen. Analog manipulierend verfährt Breer mit Abbildungen bekannter
Gemälde, die formlos und unlesbar werden. Der dritte Teil ist wieder in Schwarz-Weiß gestaltet
und wird analog zum Anfang mit Geräuschen von Trommeln und Pfeifen begleitet.
Fuji
1974, 8’13’’, Farbe, Ton
"A poetic, rhythmic, riveting achievement (in rotoscope and abstract animation), in which fragments of
landscapes, passengers, and train interiors blend into a magical color dream of a voyage. One of the most
important works by a master who like Conner, Brakhage, Broughton spans several avant-gardes." - Amos Vogel.
Fuji zeigt eine im rotoskopischen Verfahren gefilmte japanische Landschaft, die Breer
aus dem Fenster eines fahrenden Zugs mit Weitwinkelkamera aufgezeichnet hat.
Im Hintergrund ist die mit einem Strich gezeichnete Silhouette des Fuji zu erkennen,
während Szenen von einem Fahrkartenkontrolleur oder Menschengruppen dem Film eine
erzählerische Komponente beisteuern. Die Aufnahmen entstanden auf Breers Reise zur
Expo’ 70, während der er seine
Float Skulpturen ausstellte.
Als wirbelnde Bildanimationen fließen sie in den Film mit ein.
Bang!
1986, 10’11’’, Farbe, Ton
Bang! ist nicht nur der spielerischste Film von Breer, er ist auch sein autobiografischster
mit Cartoon-Sequenzen. Das paddelnde Kind im Boot zeigt Breer in frühen Jahren.