Ilka Becker
Unfassbare Substanzen.
Fotografische Atmosphären in der zeitgenössischen Kunst
Vortrag am 14.5.2009

Wir reden ständig darüber, denn sie bilden einen wichtigen Bestandteil des
symbolischen Kapitals von Bildern, Räumen, Situationen und Personen und werden auf
den Oberflächen von Kunst, Architektur und Popkultur hoch gehandelt: Atmosphären
und ihre Ausdifferenzierungen (Stimmung, Aura, Ambient, Glamour). Aber so
selbstverständlich wir uns darüber einig zu sein scheinen,
was die Zuschreibung ‘atmosphärisch’ verdient, so wenig
ist deutlich, mit welchen Formen der Sichtbarkeit wir es dabei zu tun
haben - besteht doch die Logik von Atmosphären zumeist genau
darin, als etwas Unfassbares oder Unbestimmtes produktiv zu werden.
In der zeitgenössischen Kunst durchdringen sich die Sichtbarkeiten
und die performative Begrifflichkeit des Atmosphärischen auf
spezifische Weise in fotografischen Praktiken, die einen ebenso
umarmenden wie kritischen Umgang damit pflegen: Fotografien scheinen
Atmosphären auf den ersten Blick nur abzubilden. Auf welche
Weise kommen sie aber selbst als materielle Agenten der
Atmosphärenproduktion ins Spiel? Welche Rolle spielen Whiteness
und die westliche Epistemologie des Lichts für den Hang des
Fotografischen zum Atmosphärischen? Und welche Zusammenhänge
ergeben sich zwischen kritischen Bildpraktiken der Gegenwart und
historischen Diskursen, die von der Malerei- und Filmgeschichte
bis zur Meteorologie reichen?