Nina Canell: We Sank Through to Our Waists (32760 Revolutions)
Ausstellung: 21.11. - 20.12.2009
Die Arbeiten von Nina Canell sind von einem Grundinteresse an der Veränderbarkeit von Materialien und Zuständen geprägt.
In begehbaren Rauminstallationen kombiniert die Künstlerin (1979 in Växjö/Schweden geboren, lebt in Berlin)
Gebrauchsgegenstände und Gefundenes - also Objekte, die bereits durch Alltagsprozesse, Gewohnheiten und Natur geformt
und zu Trägern neuer Informationen geworden sind - zu visuell, auditiv und mental erfahrbaren, prozesshaften Anordnungen.

Nina Canell greift in ihrer Einzelausstellung bei Projects in Art & Theory
We Sank Through to Our Waists (32760 Revolutions) den Begriff
des Kreislaufs und der beständigen Wiederkehr und Transformation von Dingen bereits im Titel mit auf. "Revolutions" bezeichnen nicht nur
die in Zahlen messbaren Umdrehungen und den vorgegebenen Weg, auf dem sich - wie in dem gleichnamigen Wandobjekt zu sehen - die Schallplattennadel
über 182 Stunden hinweg in die glatte Aluminiumoberfläche eingeschrieben hat und sinnbildlich bis zu ihren Hüften eingesunken ist. Der Titel
beschreibt vielmehr das Zusammenspiel von Material mit Raum und Zeit durch Übertragungsmedien wie Elektrik, Schallwellen oder den in den Dingen
selbst eingeschriebenen Eigenschaften, Klängen oder Bewegungen. Aufhänger dieser Ausstellung ist ein eben geformter, ovaler Suiseki-Stein mit
dem Titel Fels der Weisen, der auf einem schmalen, handgefertigten Holzteller (Dai) ruht. Suiseki bezeichnet durch Natur geformte Steine
und Gesteinsobjekte, die durch natürliche Witterungseinflüsse eine prägnante, oftmals in der Oberflächenbeschaffenheit eigene Form erlangt
haben und vor allem in China, Japan und Korea seit rund zweitausend Jahren als Objekte höchster materieller Qualität und künstlerischer
Wertschätzung gesammelt werden. Dabei wurde nicht nur die natürliche Schönheit und Eigenheit der Gesteine verehrt, sondern ihre Ähnlichkeit
zu Gebirgsformationen oder Inseln, die wiederum in der buddhistischen und taoistischen Lehre eine besondere Rolle spielen.

Im Begriff "Suiseki"
verbinden sich gegenläufige Prinzipien des Veränderlichen und Bleibenden: "Sui" heißt übersetzt "Wasser" und steht damit für das Fließende,
Bewegliche und Formlose. "Seki" bezeichnet das beharrliche, unveränderbare und feste Gestein. Das Besondere der Steine ist, dass sie ein
einzigartiges Bild von Erosion und Zeitlichkeit vermitteln. Jede Einkerbung und jeder Riss, so Nina Canell, artikuliert den unermüdlichen
Formungsprozess der Natur und die Unbeständigkeit, Vergänglichkeit und Flüchtigkeit der Dinge. Ihre für die Ausstellung neu entwickelte
Bodenarbeit
Perpetuum Mobile (40KG), ein auf dem Boden liegender, geöffneter Zementsack und eine unmittelbar daneben stehende, mit Wasser
gefüllte Emailleschüssel, die mit einem Ultraschallwandler ausgestattet ist, der das Wasser in einen gasförmigen Zustand überführt, spielt
unmittelbar auf die Suseki-Tradition und ihre Transformation von veränderbaren Zuständen an. Im Laufe der Ausstellung verflüchtigt sich
das Wasser, setzt sich als feuchter Nebel auf den pulverisierten Zement und verhärtet ihn zu Stein. Der Titel "Perpetuum Mobile" spielt
auf einen geläufigen Begriff der Thermodynamik an. Er bezeichnet jenes abgeschlossene System, das – einmal in Gang gesetzt – ohne äußeres
utun oder Verlust von Energie als ewiger Kreislauf in Bewegung bleibt.

Nina Canells Werk nimmt mit dieser Arbeit nicht nur Bezug auf
ihre derzeit im Hamburger Kunstverein zu sehende Installation
Perpetuum Mobile (2440 KG), bei der sie Zementsäcke mit einem Gewicht
von 2440 kg stapeln und den aufsteigenden Wasserdampf durch Mikrofon und Lautsprecher akustisch verstärken ließ. Sie setzt neue
gedankliche Kreisläufe zu der dritte Arbeit Skywalker in Gang, einem im Ausstellungsraum schwebenden Mobile. "Skywalker" (2009) besteht
aus zwei über eine Schnur verbundene Holzrasseln, eine davon ist mit dunkelblauem, feingepunkteten Sockenstoff bezogen, die andere
weist auf ihrer Oberfläche deutliche, ebenfalls punktförmige Einkerbungen und Gebrauchspuren auf. Sie stehen als Einzelobjekte für
sich und erinnern nur ihrer Funktion nach, ähnlich wie die titelgebende Arbeit
We Sank Through to Our Waists (32760 Revolutions),
an ein rhythmisches Musikinstrument und das Ausbreiten von Klang und Energie im Raum.