Cláudia Cristóvaõ: The File Project
Ausstellung: 26.6. - 27.7.2009
Die medialen Installationen von Cláudia Cristóvaõ (geboren 1973 in Luanda, Angola,
aufgewachsen in Lissabon) untersuchen Formen von Erinnerung und Identität sowie ihre Verbindungen
zu kulturellen, individuell-geprägten Räumen und Orten. In langjährige Recherchen, Beobachtungen und
Interviews, die häufig den Ausgangspunkt ihrer filmisch-dokumentarischen Spurensuche bilden, befragt Cláudia Cristóvaõ
Personen, die in Folge von Dekolonialisierung und Flucht ihr Land in früher Kindheit verlassen mussten
(
Fata Morgana, 2005-06 und
Le Voyage Imaginaire, 2008) und deren Erinnerungen und Projektionen die eigentlichen
Erlebnisse überlagern, oder trifft wie in
The File Project (2005-06) auf Betroffene des Stasi-Regimes.
Jedes ihrer Projekte erhält eine eigene Stringenz und Struktur, die sich aus dem Dokumentarischen speist
aber in ästhetisch-atmosphärisch verdichteten (Bewegt-) Bildern eine eigene Dynamik entwickelt. Über die
Oberflächen der Dinge, die Bewegung durch und die Kartografie von Innen- und Außenräumen überlagert und verdichtet
sie die verschiedenen Ebenen ihrer Erzählung.

Die dreiteilige Videoinstallation
The File Project, die Cláudia Cristóvaõ erstmals in Deutschland zeigt,
setzt sich aus zwei filmischen Arbeiten (
Curtains, Projektion;
Skinflower, Monitor) und einer Serie von Polaroids
zusammen. Anstelle der filmisch dokumentierten Interviews treten inszenierte Handlungen, die sie fotografisch
festhält: Sie positioniert Laiendarsteller an städtische Orte und lässt sie Gesten nachstellen, die von Mitarbeitern
der Stasi als Geheimcodes verwendet wurden. Die stilisierten Haltungen werden durch die Stellvertreterfiguren
nicht nur zu Typologien einer Geheimkommunikation. Sie verweisen darüber hinaus auf das ‘Acting’, das allgemeine
Rollenverhalten im öffentlichen Raum: "I am very interested in issues related to the limits of the public sphere
and the way in which, individually or collectively, we react to the role expectations that this sphere imposes" (Cristóvaõ).
Die wandfüllende Projektion Curtains beginnt mit der Sicht durch einen Vorhang, der als Motiv des Voyeuristischen und
beobachteten Blicks in die Handlung einführt. Das zwöf-minütige Farbvideo wurde unbeobachtet in den zuletzt durch
Erich Mielke und Egon Krenz benutzten Büroräumen des Berliner Ministeriums für Staatssicherheit gefilmt, das seit
1990 als Museum öffentlich zugänglich sind. Auffallend sind die langen Einstellungen von Innenräumen, die von 1970er-Jahre
Ästhetik geprägt und von Gebrauchsspuren gezeichnet sind. Details und Oberflächen wie Lichtschalter, Telefone oder
Teppichmuster reihen sich aneinander und ermöglichen Blicke in geöffnete Schubladen und Schränke.

Keine Kameraeinstellung verlässt den Innenraum und blickt durch den Vorhang nach außen. Die Welt der Gegenwart und Wirklichkeit und die Welt der
mnemotischen Rekonstruktion berühren sich nicht. Die Tonspur, ein Zusammenschnitt aus Sequenzen von Klingeltönen,
Störgeräuschen, Zahlenreihen und kurzen Anweisungen von Sprechern unterschiedlicher Nationalitäten, entstammt dem
Archiv eines Internetradiosenders. Zusammen mit dem Bild fängt sie die Atmosphäre des Ortes und seine
Geschichtsträchtigkeit als Unterdrückungs- und Überwachungsapparat ein. Die krytischen Botschaften sind nur
scheinbar entschlüsselbar, und es bleibt offen, ob tatsächlich geheime Anweisungen übermittelt werden oder nur
sinnentleerte Wortfetzen.

Der Loop
Skinflower zeigt einen nach außen gedrehten Regenschirm, der sich auf einem Hausdach vor grauem Himmel
im Wind bewegt. Der Form nach Satellitenschüssel oder Weltempfänger sendet und empfängt er möglicherweise die
Nachrichten, die jenen der Tonspur gleichen. Cláudia Cristóvaõ bezeichnet das Motiv als ‘glimpse’, das bewegte Einzelbild
von einem Augenblick, das zwischen den Stills der Polraroids und der Projektion vermittelt.
In ihren Arbeiten bewegt sich die Künstlerin mit ihrer Kamera durch Archive der kollektiven und individuellen
Erinnerung. Sie lässt die ihr anvertrauten Erzählungen und Erinnerungssplitter als mnemotische Prozesse Eingang
in ein kulturelles Gedächtnis finden, das eine vergleichbare Rolle spielt, wie die historischen Konstellationen.