Kerstin Schankweiler
Phantom Afrika. Postkoloniale Aspekte afrikanischer Gegenwartskunst.
Vortrag am 9.7.2009

Wenn die documenta in Kassel als Gradmesser für aktuelle Tendenzen des europäischen
Kunstbetriebes gelten kann, dann haben die vergangenen Ausstellungen in den Jahren 2002 und 2007
eindrucksvoll dessen Wandel belegt: Mittlerweile werden Arbeiten von zeitgenössischen KünstlerInnen
aus dem ‘Süden’ und ‘Osten’ einbezogen, anstatt lediglich europäische und
nordamerikanische Positionen zu zeigen, wie es bis in die 1990er Jahre hinein weitestgehend
üblich war. Längst müssen die documenta und die Venedig Biennale - um noch eine
weitere "Grande Dame" des Ausstellungsbetriebes zu nennen - weltweit
mit ähnlichen Formaten konkurrieren. In den 1990er Jahren sprossen Biennalen auch in
südlichen Metropolen (z.B. Istanbul, Havanna, Dakar) wie Pilze aus dem Boden - mittlerweile
sind viele etabliert und tragen zur wünschenswerten Dezentralisierung des internationalen
Kunstsystems bei. Diese Veränderungen leisten damit auch einer kritischen Hinterfragung der
dichotomen Vorstellung vom ‘Westen’ als ‘Zentrum’ des Kunstbetriebes
und dem Rest der Welt als ‘Peripherie’ Vorschub. Gleichzeitig bieten
sie die Möglichkeit, die Entscheidungsmacht im Kunstbetrieb gleichmäßiger zu
verteilen und für bisher marginalisierte AkteurInnen zugänglich zu machen.
Doch allzu positiv lassen sich die Globalisierungsprozesse nicht bewerten. Sie sind in
erster Linie von Ambivalenz geprägt und changieren zwischen verhängnis- und verheißungsvollem
Potential: Der Begriff ‘globale Kunst’ beschreibt zwar ein internationales,
vermeintlich alle gleichberechtigt einschließendes Phänomen ökonomischer und
kommunikativer Vernetzung im Kunstsystem, basiert allerdings meist auf einer ‘westlichen’
Sicht und auf europäischer und nordamerikanischer Definitionsmacht und Kapitalkraft.

Vor diesem Hintergrund richtet der Vortrag sein Augenmerk auf Kunst aus Afrika und auf ihre
Präsenz im Ausstellungsbetrieb. Dabei soll die Biennale von Dakar (Senegal) ebenso im
Fokus stehen, wie exemplarische künstlerische Positionen. Diese werden hinsichtlich ihrer
kritischen Beiträge zu aktuellen Diskussionen um die Aufarbeitung der kolonialen Vergangenheit
und die Rezeption außereuropäischer Kunst in ‘westlichen’ Metropolen befragt. Bei
letzterer spielen Zuweisungs- und Aneignungsstrategien im Kunstsystem eine fragwürdige
Rolle, die zum problematischen Labeling führen ("afrikanische Kunst"). Dass es auf die
Frage "Wer ist ein afrikanischer Künstler?" keine eindeutige Antwort gibt,
sondern mit ihr ein hochaktuelles Diskursfeld von verwirrender Komplexität eröffnet wird,
dürfte mittlerweile klar geworden sein. Denn jeder Versuch zur Definition "afrikanischer Kunst"
erweist sich als sinnlos - sie ist ein Phantom oder eine "Fata Morgana",
wie Cláudia Cristóvaõ, die derzeit bei
Projects in Art & Theory ausstellt,
Afrika mit dem Titel einer Videoinstallation bezeichnete und 2006 auf der Biennale von
Dakar zu sehen war. Die Künstlerin stellte Bildschirme mit Erzählungen von MigrantInnen in
einem betont sachlichen Dokumentarstil großformatigen Projektionen von poetischen und
fast surrealen Erinnerungslandschaften gegenüber, um den phantasmatischen Charakter des
afrikanischen Kontinents sichtbar zu machen.