Meredyth Sparks: Gudrun Constructed
Ausstellung: 31.1. - 30.3.2009
Die amerikanischen Künstlerin Meredyth Sparks thematisiert in ihren Collagen und Wandarbeiten anhand medialer
Darstellungen von bekannten Undergroundmusikern und Rockikonen der 1970-80er Jahre wie Roxy Music, Joy Division,
The Clash oder David Bowie Aspekte von Glamour und Camp in Pop- und Subkulturen. In der Ausstellung beziehen zwei
digital überarbeitete, rote Collagen (
Ohne Titel, 2009) ihre gemeinsame Bildvorlage aus dem Album "Die Mensch-Maschine"
(1978) der Band Kraftwerk und übertragen deren in Bild- und Tonsprache angelegten Charakteristika von Serialität
und Uniformität auf die Collage-Technik.

Meredyth Sparks bezeichnet den künstlerischen Vorgang der Auswahl von
Bildfragmenten, der Verdoppelung, Eliminierung oder digitale wie manuelle Ürtragung in einen neuen Bildkontext
als Subtraktion. Sie wählt sogenannte "key points" der gefundenen Bildvorlagen aus, spielt mit Positiv- und Negativformen
und entzieht (subtrahiert) dem Bild sukzessiv seine narrative Funktion. Die Collagen geben auch den zeitlichen
Rahmen der Ausstellung "Gudrun Constructed" vor: Sparks Auseinandersetzung mit der Geschichtsschreibung der RAF-Bewegung
der ersten Generation in den späten 1980er Jahren, ihren spezifischen Bildquellen und -sprachen und der medialen Aufbereitung.
Die fünfteilige Posterserie
Gudrun Constructed I-V (2009) und die Bodenarbeit
Record Player 1977 (sleeve) von 2008,
ein Stapel aus übereinandergestapelten, bedruckten Plattenhüllen, greifen analog auf Pressebilder des Deutschen
Herbsts zurück, insbesondere auf Gerhard Richters 15-teiligen Bilderzyklus
18. Oktober 1977 (1988).

Von ursprünglich vier Schwarz-Weiß Pressefotografien der in Stammheim inhaftierten Gudrun Ensslin (erstmals
erschienen in Stern und Spiegel 1974) wählt Richter drei als Vorlagen seiner Porträts Gegenüberstellung
(1), (2) und (3) aus. Gerhard Richter konzentriert sich ausschließlich auf ihr Gesicht, verwischt die
persönlichen Züge und neutralisiert den Hintergrund zu einer monochrom grauen Fläche. Die Pressebilder
zeigen Gudrun Ensslin hingegen lebensgroß in uniformer Gefängniskleidung wie ein dressiertes Kind
in einem Naziheim (Astrid Proll) auf einem Gefängnisgang in Stammheim. In kinematischer Bildfrequenz
schreitet sie zaghaft lächelnd am Betrachter vorbei, hält in einer Hand einen weißen Umschlag, der von
Bild zu Bild in eine Rocktasche gleitet.
Meredyth Sparks scannt Richters mit Setzmarken, Pfeilen und Übermalungen versehenen schwarz-weißen
Bildvorlagen und überlagert sie mit abstrakt-geometrischen Formen aus Aluminiumfolie, Vinyl und
Glitter. Die glitzernd- ästhetische Oberfläche ihrer Collagen spielt u.a. auch auf Richters kritisch
zitierte Analogie zwischen RAF-Terroristen und Pop-Stars an. Die Kreise, Balken, Striche und
unregelmäßigen Umrisse auf der Collage generieren sich zum einen aus dem Bild selbst. Zum anderen
entlehnen sie ihre Struktur und Farbigkeit der Formensprache suprematistischer Kompositionen
des frühen 20. Jahrhunderts und verleihen der Darstellung eine räumliche Tiefe. Meredyth
Sparks stellte in bereits zwei Ausstellungen modifizierte Fassungen der Gudrun-Serie aus,
zuletzt in der New Yorker Galerie Elizabeth Dee. Für Projects in Art & Theory fotografierte
sie die gerahmten New Yorker Collagen ab, druckte sie in gleicher Größe auf Posterpapier und
überarbeitete sie erneut mit Aluminiumfolie und Glitter. In diesem sich von neu generierenden
Prozess entfernt sich das Bild zunehmend von seinem Original: Die Person Ensslin rückt
wie zuvor die Gruppe der Popstars sukzessiv in den Hintergrund. Der Posterdruck als massenmedial
vermitteltes Bild zeichnet den zeitlichen wie auch künstlerischen Rezeptionsprozess auf. In ihren
Arbeiten legt Meredyth Sparks den schrittweisen Prozess der Wieder-verwendung und Aneignung offen und erweitert
ihn um den zeitlichen Aspekt der Sequenzialität. Analog ermöglichen die nahezu
lebensgroßen Abbildungen der Gudrun Ensslin und die serielle Hängung dem Besucher, der
Dargestellten in Realzeit durch den Ausstellungsraum zu folgen.
Die suprematistischen Elemente aus Kasimir Malewitschs Werk
Suprematistische Komposition:
Fliegendes Flugzeug (1915) entnommen - tauchen als kleinteiliges Ornament aus
schwarzem und silbernem Vinyl wieder auf dem Fensterglas und der Wand unterhalb der Collagen
und Poster als verbindendes Element auf. Das Muster erschwert je nach Tageszeit nicht nur
den Blick durch die Scheibe und spielt mit Lichtreflexen, sondern hat einen flirrenden Effekt,
der erneut auf das Zusammenspiel von Zeit und Bewegung verweist.

Die Arbeit
Record Player 1977 (sleeve) besteht aus offset-bedruckten Plattenhüllen, die in
Höhe eines Standardplattenspielers gestapelt auf dem Boden liegen. Sie verweisen auf ein
Pressebild von Andreas Baaders Plattenspieler zusammen mit einer Eric Clapton Solo-Platte
"There Is One In Every Crowd" (1975), das kurz nach dem Gemeinschafts-
Selbstmord der RAF-Mitglieder in seiner Gefängniszelle gemacht wurde. Während Sparks die Plattenhüllen
als ephemere und inhaltlich aufgeladene Giveaways anbietet und sie als verbindendes Element zu ihren Musikband-Collagen
versteht, entstand aus der gleichen Bildvorlage Richters Werk Plattenspieler aus seinem Stammheim-Zyklus.
Es wird vermutet, dass Baader seinen Revolver dort versteckt hielt. Gudrun Ensslin erhing sich in der
gleichen Nacht des 18. Oktobers an einem Schallplattenkabel.
Die Sound-Arbeit
Field Recording. After Walter de Marias The Broken Kilometer, Dia Center for the Arts,
NY (2009) gibt die klopfenden und pfeifenden Raumgeräusche aus Walter de Marias ortspezifischer Arbeit
aus dem Jahre 1979. Wenn die Heizung angestellt ist, beginnt das ganze Gebäude zu beben und erschüttert
seine Feierlichkeit. Alles in diesem Raum, bis auf seine Atmo, ist vom Künstler genauestens vorgegeben:
fünfhundert hochpolierte Messingstäbe sind in fünf Reihen in festgelegtem Abstand und Winkel angeordnet.
Fotografieren ist verboten. Der Besucher darf die Installation nur vom Eingang aus betrachten und das einzige Licht
stammt von einem künstliches Stadionlicht, das von außen in den Raum strahlt. Meredyth
Sparks setzt die unkontrollierbaren Geräusche als latenten Raumklang für ihre Ausstellung
ein und erweitert sie atmosphärisch um eine weitere zeitlich-kontextuelle Ebene.